Förderverein der Behindertenhilfe e.V.


 

 

 

 


Wohngemeinschaften
für Menschen mit erworbenen Hirnschäden
und schweren fortschreitenden neurologischen Erkrankungen


Die Vision!           
Ohne Visionen entstehen keine guten Ideen.
Die Idee!              Die Idee war und ist gut!
Der Plan!              Der Plan war in der Anfangsphase in jeder Hinsicht unausgereift und ist somit in keiner Weise zur Nachahmung empfohlen.
Die Umsetzung!    Die Umsetzung war in den
ersten Monaten, wenn nicht gar Jahren für meinen Betrieb, den Pflegedienst, meine Mitarbeiter, aber auch für mein Privatleben eine einzige Katastrophe.

Ein  Zusammenleben auf Zeit oder auf Dauer
 
Anders als in einem Pflegeheim oder in klassischen Wohngemeinschaften für Senioren, ist speziell in den 4 Wohngemeinschaften in Koberg das Versorgungs- und
Betreuungskonzept auf die weitest gehende Rehabilitation der dort lebenden Betroffenen ausgerichtet. Zur Zeit leben insgesamt 22 WG-Bewohner in den 4 hier aufgeführten WGs.
Die zukünftigen WG-Bewohner ziehen in der Regel unmittelbar im Anschluss an die Frührehabilitation in eine dieser WGs ein. Ziel ist grundsätzlich den Betroffenen zu befähigen, wieder im Familienverbund oder gar vollständig eigenständig leben zu können. Wenn allerdings familiäre Strukturen zerbrochen sind, oder überhaupt keine Familienanbindung mehr besteht, ist ein dauerhafter Verbleib in diesem neuen Zuhause gewährleistet.

Kurze Historie
 
•      1996 Gründung des Pflegedienstes
•      1997 / 1998 zügige Spezialisierung des Pflegedienstes auf die Versorgung schwerstbehinderter, onkologischer und beatmungspflichtiger Patienten
•      1.3.2000 Start und Übernahme der pflegerischen Versorgung der ersten Wohngemeinschaft in Koberg
•      2002 Gründung des zweiten Betriebes, der Praxis für Ergotherapie
•      In den folgenden Jahren Erweiterung um die Fachbereiche Logopädie, Physiotherapie sowie einer Fachabteilung für ambulante Eingliederungsmaßnahmen
 
Der erworbene Hirnschaden: Das Ereignis und seine Folgen Erworbener Hirnschaden ist nicht gleich erworbener Hirnschaden. Einige auslösende Faktoren für einen erworbenen Hirnschaden:

1.    Unfallgeschehen
2.    Schlaganfall
3.    Aneurysma
4.    Infektionsgeschehen
5.    Hirnschäden auf Grund einer Suchterkrankung
       (Mischkonsum, nicht selten unter zusätzlicher Beteiligung von Alkohol)
6.    Hirntumorerkrankungen
7.    Hypoxie z.B. durch Langzeitreanimation
Auswirkungen auf das Zusammenleben und die Entwicklung der zu betreuenden
WG Bewohner
 
Unsere Beobachtungen der letzten
mehr als 11 Jahre.
So unterschiedlich die auslösenden Faktoren, so unterschiedlich sind die Menschen und deren Lebenswege, die von einem erworbenen Hirnschaden betroffen sind. Für das Zusammenleben in Wohngemeinschaften bedeutet das, dass z.B. der Arbeiter neben dem Akademiker, der Rockmusik-Liebhaber neben dem Klassik-Fan, der Ordnungsliebende neben dem Chaoten, Menschen mit unbewältigter Suchtproblematik neben Menschen, für die Sucht niemals ein Thema war, leben.
 
Was bedeutet das für das
Zusammenleben??
Ohne von allen zu befolgende festgelegte Regeln, ohne Toleranz und gegenseitige Achtung der Persönlichkeit des anderen geht gar nichts!! Hierzu bedarf es der Mithilfe aller Akteure.
 
Welche Rolle nehmen Angehörige ein?
Durch den Eintritt eines erworbenen Hirnschadens kommt es nicht selten zu einer erheblichen Veränderung der Persönlichkeit. Depressionen, Fehleinschätzung der eigenen Fähigkeiten, Hemmungslosigkeit, nicht akzeptieren der bestehenden Störungsbilder bis hin zu aggressivem Verhalten sind nicht selten die Folgen des Ereignisses. Für Eltern und Ehepartner bricht häufig angesichts dieser Wesensveränderungen eine Welt zusammen.
 
Aussagen wie:
„Das ist doch nicht mehr unser Sohn unsere Tochter, ich erkenne unser Kind nicht wieder.“

„Ich erkenne meinen Partner nicht mehr wieder. Wie soll eine gemeinsame Zukunft   funktionieren, wie werden unsere Kinder reagieren?“
 
Auswirkungen auf das familiäre Umfeld, insbesondere Eltern und Geschwister
Geduld, unendliche Geduld ist die Zauberformel! Es dauert Monate, nicht selten sogar Jahre bis sichtbare Erfolge auf dem neuen Lebensweg zu verzeichnen sind. Dass diese Erfolge in keiner Weise mit den Normvorstellungen vermeintlich
„gesunder Menschen“ zu vergleichen sind, steht außer Frage. Hier stellt sich allerdings die kritische Frage „was ist die Norm????“ Unsere Gesellschaft hat es verlernt, Vielfalt zu akzeptieren!
 
Für welche Menschen mit erworbenen Hirnschäden ist das Zusammenleben in einer Wohngemeinschaft überhaupt geeignet?
 
•      Für alle Menschen die bereit sind, die plötzlich eingetretene, veränderte Lebenssituation zu akzeptieren.
•      Für Menschen die es lernen, mit ihren
       eingetretenen Defiziten umzugehen.
•      Für Menschen die in der Lage und willens sind, die angebotenen Hilfen der Pflegekräfte, Therapeuten und Sozialpädagogen anzunehmen.
•      Für Menschen die den Willen haben bzw. entwickeln, diesen für sie neuen Weg in einer Gemeinschaft mit ebenfalls Betroffenen gemeinsam zu gehen.

Wann missglückt das Zusammenleben in einer Wohngemeinschaft?

 
•     Wenn die von der Gemeinschaft beschlossenen Regeln nicht akzeptiert werden.
•      Wenn es dauerhaft zu selbst- und fremdgefährdendem Verhalten kommt.
•     Wenn aus verbal aggressivem Verhalten körperlich aggressives Verhalten wird.
•      Wenn ein Rückfall in früheres Suchtverhalten stattfindet.
•      Wenn Angehörige nicht loslassen können oder wollen und somit das Einleben in einer Wohngemeinschaft weitestgehend unmöglich gemacht wird.
 
Auswirkungen auf die Mitarbeiterzufriedenheit: Professionelles Nähe- Distanzverhältnis zum Eigenschutz der Mitarbeiter
 
Die Arbeit mit Menschen die in einer
unabhängigen Wohngemeinschaft leben, unterscheidet sich grundsätzlich von der in einer Klinik oder gar in einem Pflegeheim. Die Menschen, die in diesen Wohngemeinschaften leben, sind Mieter dieses Wohnraumes. Sie leben in ihrer eigenen Wohnung. Der Pflegedienst bzw. dessen Mitarbeiter sind somit lediglich helfender Gast in dieser Wohnung.
 
Die Erfahrungen der letzten mehrals 11 Jahre
haben gezeigt, dass insbesondere die Arbeit in Wohngemeinschaften in den meisten Fällen zu einer hohen Mitarbeiterzufriedenheit führt. Für die Pflegekräfte ist es eine äußerst positive Erfahrung mitzuerleben, wie nicht selten aus schwerstbetroffenen Menschen mit hohem Pflegebedarf Menschen ohne Pflegebedarf werden.
Aber auch dann, wenn die Entwicklung des Krankheitsbildes in eine andere Richtung eine das Leben beendende Richtung verläuft, bleibt dennoch das befriedigende Gefühl, für diesen Menschen über Monate, ja sogar Jahre da gewesen zu sein, ihn auf seinem schweren Weg begleitet zu haben.
 
Wir haben in unserem Pflegedienst eine denkbar geringe Mitarbeiterfluktuation zu verzeichnen!
 
Auswirkungen auf die Kostenentwicklung bezüglich der Pflegekosten
 
Ich habe Jahre gebraucht um zu begreifen, dass
es bis auf wenige Ausnahmen eigentlich niemanden interessiert, dass es bei dieser Versorgungsform in Wohngemeinschaften sehr häufig, insbesondere bei jüngeren Menschen, in einem nicht unerheblichem Maße zu einer Absenkung des Pflegebedarfes und somit der Pflegekosten kommt. Unser zur Zeit bestehendes Pflegesystem ist weitestgehend darauf ausgerichtet, zu versorgende Pat. möglichst in einer hohen Pflegestufe zu halten.
Wie lange das noch finanzierbar ist, möge jeder selbst kritisch hinterfragen!
 
Grundsätzliche Regeln zur Ermöglichung des reibungslosen miteinander Lebens in einer Wohngemeinschaft.
 
Neben Wohngemeinschaftsvereinbarungen, die durch die WG-Bewohner selbst oder unterstützend durch die gesetzlichen Vertreter dieser zu Papier gebracht werden, gibt es mittlerweile eindeutige rechtliche Vorgaben.
Diese variieren von Bundesland zu Bundesland. Es ist somit sinnvoll sich in seinem Bundesland zu informieren, welche rechtlichen Rahmenbedingungen bestehen, damit eine trägerunabhängige Wohngemeinschaft als eine solche anerkannt wird, und somit nicht unter das im Bundesland geltende Heimrecht fällt.
 
Die Akteure undderen Rollen
 
Die Rolle des Vermieters
Der Vermieter des Wohnraumes ist eindeutig allein auf seine Rolle als Vermieter festgelegt. Es darf auf keinen Fall eine vertragliche Bindung zum Pflegedienst bestehen!

Die Rolle des Pflegedienstes
Der Pflegedienst ist ein ambulanter Pflegedienst, der als helfender Gast ins Haus kommt. Die Gemeinschaft einer WG beschließt, sich gemeinsam auf einen Anbieter zu einigen.
Nur so sind Synergieeffekte bei der Pflegekostenbegrenzung möglich
 
Die Rolle der Berufsbetreuer
Insbesondere Berufsbetreuer begreifen sehr häufig nicht das Betreuung nicht Bevormundung heißt. Der Berufsbetreuer soll lediglich begleitender Helfer sein.

Die Rolle der Angehörigen Eltern und / oder Ehepartner
Eltern! Eine äußerst schwierige Rolle besonders
für Eltern! Das plötzlich erkrankte, behinderte
„Kind“ ist in der Regel aber gar kein Kind im Sinne der klassischen Rollenverteilung Eltern / Kind mehr.
 
Bei den durch unseren Pflegedienst zu betreuenden Patienten handelt es sich um Menschen, die mindestens 18 Jahre, in der Regel älter sind. Es handelt sich somit um Erwachsene, die plötzlich nicht selten durch das Eintreten des Ereignisses in der ersten Phase der Erkrankung zum Windelträger werden.
Da ich selber Mutter von 4 erwachsenen Kindern bin und somit auch schon so einige Katastrophen mit meiner Familie miterlebt habe, kann ich sehr wohl nachempfinden, was es bedeutet diesen geliebten Menschen, sein Kind, plötzlich in einer derart hilflosen Situation in der Klinik vorzufinden.
 
Dennoch, dieser plötzlich schwerstbehinderte
Mensch, der Sohn oder die Tochter sind erwachsene Menschen! Menschen, die den natürlichen Abnabelungsprozess von Ihren Eltern bereits hinter sich haben. Die in der Regel bereits ein eigenes Leben aufgebaut haben.
Diese erwachsenen Menschen haben ein Recht darauf ihr Leben eigenständig zu meistern. Um dieses zu erreichen brauchen sie unendlich viel helfende Unterstützung. Ein Rückfall in die klassische Eltern – Kind Rolle sollte allerdings auf jeden Fall vermieden werden.
 
Ehepartner! Auf einmal ist er nicht mehr da! Der Ehepartner in seiner klassischen Rolle als Ehefrau oder Ehemann, als Mutter oder als Vater. Die Ehefrau muss plötzlich und unerwartet die Versorgerrolle des Vaters mit übernehmen. Der Ehemann muss von einer Minute auf die andere Vater und Mutterrolle für die Kinder übernehmen. Das Selbstwertgefühl des Betroffenen liegt im wahrsten Sinne des Wortes am Boden. Eine gemeinsame Zukunft kann jedoch nur gelingen, wenn man dem vom Ereignis Betroffenen zutraut, die Energie zu entwickeln, wieder auf die Beine kommen zu wollen und zu können!
 
Wohngemeinschaften in dem Sinne, wie wir sie seit nunmehr 11 Jahren begleiten, geben die Möglichkeit sich wieder zu finden, sich wieder zu entwickeln, ein Leben auch mit weiter bestehenden Defiziten zu meistern.

Monika Hamester